"Die Sehnsucht nach dem Ausnahmezustand"Ideologiekritische Konferenz der Georg-Weerth-Gesellschaft Wien
Philipp Lenhard:
Apokalypse als Chance
Noch bevor das Wort "Krise" die Runde macht, stehen die ProphetInnen und
HeilsverkünderInnen in den Startlöchern, um den Massen das Evangelium der
Erlösung zu verkünden. Während die Regierung ihrem Staatsvolk behutsam
einzubläuen versucht, dass nun eine Zeit des Verzichts anbricht, um die man
nun einmal nicht herumkomme, sind andere schon einen Schritt weiter: Selbst
ernannte Sozialrevolutionäre schwören ihre Schäfchen auf die unaufhaltsam
nahende Apokalypse ein, in der die verhasste bürgerliche Gesellschaft
untergehen werde. Dem kollektiven Wahn, der sich aus der Panik des
nachbürgerlichen Subjekts speist, ist nicht mit gutem Zureden und
trostspendendem Handauflegen zu begegnen, sondern mit rücksichtsloser
Ideologiekritik, welche die Bedingungen der Möglichkeit des Kommunismus
gegen seine antikapitalistischen PropagandistInnen verteidigt.
Vortrag und Diskussion am Montag, 15. Juni, 19.30 Uhr
Hörsaal II, Neues Institutsgebäude, Universitätsstraße 7, Wien
Alex Gruber:
Zur Ontologie der Differenz
Über die Unmöglichkeit poststrukturalistischer Gesellschaftskritik
Die PropagandistInnen des postmodernen Bedürfnisses, die behaupten, die in der
gesellschaftlichen Formation sich angeblich ausdrückenden Strukturen
erfassen zu können, machen die Logik der Unterdrückung unmittelbar in der
Logik, die sie pauschal dem Übel zuschlagen, selbst aus. Die begrifflichen
Allgemeinheiten, unter die eine Vielzahl von Einzeldingen subsumiert werden,
werden verstanden als mit sich selbst identische herrschaftliche Diskurse,
die die "différance" (Dérrida) verdrängen, um ihren totalen Sieg
davonzutragen. Demgegenüber gelte es dieser Differenz an sich selbst, die
keinen Bezug auf Einheit mehr kenne, zu ihrem Recht zu verhelfen, also das
"Prinzip der Vielheit" (Deleuze/Guattari) durchzusetzen. Solcherart ist
weder ein kritischer Begriff von gesellschaftlicher Totalität noch von
Subjektivität zu denken; vielmehr betreibt so argumentierender Antirassismus
die Auflösung von Gesellschaft in ein Konglomerat von Kulturen.
Vortrag und Diskussion am Dienstag, 16. Juni, 18.30 Uhr
Hörsaal III, Neues Institutsgebäude, Universitätsstraße 7, Wien.
Gerhard Scheit:
Die Sehnsucht nach dem Weltsouverän
Wenn Marx sagt, der Weltmarkt sei das "Übergreifen der bürgerlichen
Gesellschaft über den Staat", so nennt er damit auch das Glücksversprechen
der bürgerlichen Gesellschaft, das eine Weltgesellschaft ohne Souverän im
Auge hat - und seine Erkenntnis, dass "keine Art Bankgesetzgebung (...) die
Krise beseitigen" könne, ist nur der negative Ausdruck dieses Versprechens.
Der Wahn hingegen, der das Glücksversprechen dementiert, verspricht das
Übergreifen des Staats über den Weltmarkt. Man sehnt sich also nach dem
Weltsouverän und freut sich auf den Ausnahmezustand, der ihn bringen soll:
Auf der einen Seite wird dieser Überstaat weltweit die Banken und Börsen
sorgsam beaufsichtigen, so dass sie nicht mehr der Gier der "internationalen
Managerklasse" (Joachim Hirsch) ausgeliefert sind und verrückt spielen; auf
der anderen Seite den Djihad regulieren - sei's durch Dialog oder
Sanktionen -, damit die Mullahs nicht über die Stränge des Nahen Ostens
hauen, statt Tariq Ramadan zu folgen.
Das vielberufene Charisma, das Barack Obama im Kampf um die Präsidentschaft
der USA erwarb, ist ohne diese Sehnsucht nicht zu erklären: Möge doch dieser
Präsident von innen her die gewaltsame Politik des Hegemons, der die anderen
Staaten so einseitig dominiert, auf wundersame Weise in die friedliche
Kommunikation einer gerechten "Weltinnenpolitik" (Habermas) verwandeln. Die
Reaktionen auf den Gaza-Krieg wurden dann schon durch die Hoffnungen belebt,
die man auf Obama setzt. Wie auch immer sie enttäuscht werden: Israel
verkörpert im globalen Wahnbild die Weltverschwörung des Judentums. Deshalb
gezwungen, seine Souveränität ständig unter Beweis zu stellen, legt die
Politik dieses Staates in Wahrheit stets aufs Neue dar, dass es keinen
Weltsouverän gibt, ja, dass jeder Versuch, ihn zu realisieren, gegen die
Juden gerichtet ist: Er nimmt ihrem Staat die Souveränität, die sie im
Ernstfall allein schützt.
Vortrag und Diskussion am Dienstag, 16. Juni, 19.30 Uhr
Hörsaal III, Neues Institutsgebäude, Universitätsstraße 7, Wien.